12. November 2020

Mandala malen und einfach entspannen: Die Wahrheit über einen Hype

Die perfekte Illusion

Mandala malen, abends mit einem warmen, süßlich duftenden Tee am Schreibtisch. Der komplette Haushalt ist bereits erledigt, die Stapel an Arbeit selbstverständlich auch. “Entspann dich einfach mal beim Mandala malen, ist fast wie eine Meditation”, sagen die Ratgeber. Trinke gesunden Detox-Tee, höre dabei lehrreiche Podcasts, danach gehst du vielleicht noch in die wohlig warme Badewanne und liest ein Buch für das richtige Mindset. Ach, natürlich erst nach der glutenfreien, bio-ayurvedisch perfekt abgestimmten Mahlzeit. So sieht dein Alltag nicht aus? Komisch, meiner auch nicht! 😉

Oft erschaffen wir uns aus den Tipps und Tricks all der schlauen “Du willst glücklich und erfolgreich sein”-Ratgeber, Blogs und Podcasts ein Optimal-Leben, das selbst für einen Vollblut-Chacka-Coach nicht umsetzbar wäre.

Ein ganz normaler Abend

Draußen ist es schon lange dunkel. Die Schleier des kühlen Abend-Nebels nehmen die Straßen ganz langsam und schon fast unbemerkt ein. Ich sitze an meinem Schreibtisch und starre manisch auf den bläulich leuchtenden Bildschirm. Die kleinen Bildchen der unzähligen geöffneten Tabs scheinen ineinander zu verschmelzen. Das Piepsen der Waschmaschine lässt mich hoch schrecken. Ein reflexartiger Blick auf die Uhr, schuldig nehme ich die volle Wasserflasche neben mir wahr. Es ist viel zu spät, ich habe zu wenig getrunken und die To-Do-Liste will einfach nicht kleiner werden. Verdammt.

Blogartikel Mandala malen stressed woman

Mein Kopf hingegen sendet deutliche Zeichen an meine Hand, endlich die Finger von der Maus zu lassen und diesen verdammten Aus-Knopf am Laptop zu betätigen. Entgegen der Steuerung der Hand, schafft es mein Gehirn dann doch zumindest meine Augen von den künstlich leuchtenden Buchstaben und Bildern abzuwenden. Der Blick meiner müden Augenlider landet auf meinem roten Zeichenblock. Er liegt da ganz unschuldig. Wartet immer geduldig auf mich. Manchmal Stunden, manchmal Tage, ab und zu auch Wochen.

Der Pausenknopf

Es gibt immer etwas zu tun. Mir dämmert es: Fertig sein und dann Mandala malen – oder ein Buch lesen, Podcast hören, Sport machen – das passiert heute nicht mehrt. Den Pausenknopf muss ich selbst drücken. In meinem Fall ist es die Bildschirmsperre. Zugegeben, ausschalten schaffe ich nicht, sperren ist okay. Zack, schwarz. So einfach geht’s also! Ha, jetzt bin ich dran. “Me-Time” nennen die das glaube ich: Ich male ein Mandala.

Block aufgeklappt, die Stifte liegen bereit. Aus meinem Handy plappern zwei männliche Stimmen von meinem Liebslings-Podcast. Ich nehme einen großen Schluck aus der Wasserflasche und los geht’s. Was genau? Ich lasse zuerst den blauen Zirkel, noch aus Schulzeiten, über das Blatt gleiten. Zeichne Bleistift Linien mit dem Geodreieck. “Waschmaschine”, “für morgen fehlt noch Joghurt zum Frühstück”, “die Mail vom Versicherungs-Menschen”. Mist.

Ich hatte doch den Pausenknopf gedrückt, sende ich verärgert als deutliche Nachricht an mein Gehirn. Meine Finger wollen intuitiv schon fast den Weg in Richtung Maus suchen, um nur noch ganz kurz die Mail zu beantworten. Doch mein Gehirn ist schneller. Mandala malen steht auf dem Programm. Abschalten. Kopf frei bekommen. Alltag vergessen.

Kurzschlussreaktion

Ich drücke den Ausschalt-Knopf des Laptops. Nur noch ich, das Papier, die Stifte und der Podcast. Gedanken sortieren, zur Ruhe kommen. Mein Pulsschlag wird mit jedem Strich des schwarzen Fineliners langsamer, mein Atem flacher. Ab und zu tauchen Gedanken auf, Dinge die zu erledigen sind, Sorgen, Ängste. Doch ich lasse sie in den Stimmen des Podcasts versinken. Die Zeit um mich verfliegt wie von selbst, ich verliere völlig das Gefühl für meine Umgebung.

Mandala malen

Es ist noch später als viel zu spät. Ich blick auf. Die Müdigkeit verflogen. Ich lächle. Nein, meine Arbeit hat sich währenddessen nicht erledigt, die Wäsche wartet noch und getrunken habe ich immer noch zu wenig, doch ich bin zufrieden. Fühle mich ruhig und entspannt. Frei für neue Gedanken.

“Dafür habe ich keine Zeit” – Ich weiß!

Es ist egal ob du Mandala malen willst, stricken, basteln, joggen oder sonst einem Hobby nachgehen möchtest. Wir alle haben gefühlt zu wenig Tag für all unsere Verpflichtungen, Interessen und den Job. Den Pausenknopf müssen wir selbst drücken und nur wenn wir das machen, haben wir wieder mehr Energie für den Rest. Es muss nicht das komplette Meditations-Yoga-Entspannungs-Programm zur Selbstoptimierung sein. Es reichen kleine Alltagspausen. 15 Minuten, vielleicht eine halbe Stunde durchatmen. Tu dir etwas Gutes – Heute noch! 😉

Die neusten Beiträge

Fragen? Anregungen?